Zusammenfassung der Konferenz „Was wollen Kunst und Gesellschaft von einander?“

 

Kunst- und Kulturrat Vorpommern Greifswald lässt sich von Linzer Kulturentwicklungsplan inspirieren

von Anna Richter

Am 16. Juni (2013) fand auf Schloss Bröllin ein vom dortigen Kulturverein schloss bröllin e.V. und dem neuen Kunst- und Kulturrat Vorpommern organisierter Kongress statt, der von der Amadeu Antonio Stiftung im Rahmen des Projekts „Region in Aktion“ unterstützt wurde.  Vertreter der lokalen und regionalen Politik, Vertreter_innen der Kirche, des Bundesverbandes Bildende Künste Mecklenburg-Vorpommerns sowie zahlreiche Kulturschaffenden aus ganz Mecklenburg-Vorpommern waren zugegen. Das internationale Testlabor PAiR (Performing Arts in Residence) auf Schloss Bröllin wurde von  Kunst- und Kulturschaffenden zum Anlass genommen, selber die Idee eines Kulturentwicklungsplans für Vorpommern voranzutreiben – statt wie sonst oft üblich, von der Politik. Einleitend wies Benno Plassmann (schloss bröllin e.V. & AG Kultur im Bündnis Vorpommern: demokratisch, weltoffen, bunt!) darauf hin, dass Kulturentwicklungspläne lediglich einen Rahmen schaffen können: „Politik kann nicht alles richten und machen, aber das wollen Künstler_innen auch nicht. Die Politik muss aber den Rahmen schaffen, innerhalb dessen sich Kultur entwickeln kann.“ Damit verwies er auf das Dilemma der Verzweckung der Kunst: Obwohl Kunst und Kultur Freiheitsräume jenseits von Sachzwängen sind, müssen sich alle mit letzteren auseinandersetzen. Als aktiver Zusammenschluss von Bündnis, neu gegründetem Kunst- und Kulturrat Vorpommern Greifswald und Vertreter_innen der Politik, Kirche und Zivilgesellschaft ginge es nun darum, diese Freiheitsräume nicht nur zu schaffen, sondern auch zu verteidigen, sowohl gegen die Vereinnahmung von Kunst und Kultur z.B. durch Tourismusmarketing, als auch gegen undemokratische Einflüsse.

Prof. Dr. Juliusz Tyszka (Europa-Universität Viadrina / Adam Mickiewicz Universität Poznan) hielt einen Einführungsvortrag über die surreale, aber auch aufrüttelnde und subversive Wirkung von künstlerischen Interventionen im öffentlichen Raum, die 1977 an einem grauen Wintertag in Łodz durchgeführt und filmisch dokumentiert wurden. Dabei ging es um so kleine wie aussagekräftige Gesten wie das Wegwerfen soeben gekaufter aktueller Tageszeitungen, die schnell einen Mülleimer neben dem Kiosk füllten und von neugierigen Passanten staunend herausgeholt wurden. In einer anderen Szene wurden „Gegenschlangen“ gebildet, die das damals übliche Schlangestehen persiflierten. Es gab aber auch eine Geste, die an staatliche Kontrolle erinnerte und von Passanten höchst skeptisch beäugt wurde: Jeweils zwei Menschen stehen dicht beisammen und tauschen Papiere aus. Nach dem kurzen Film erläuterte Prof. Dr. Tyszka, dass die Gesellschaft ein Intensivtraining in grundlegendem modernen Verhalten benötige und unsere Vorstellungskraft besser genutzt werden müsse. „Die künstlerische Strategie“, so Tyszka abschließend und der Instrumentalisierung von Kultur eine klare Absage erteilend, „darf nicht von etwas anderem als der Kunst bestimmt sein.“

Nach dieser scharfen Verurteilung des Wettbewerbs (nicht nur in) der Kunst und Kultur stellte die vom Brölliner Vorstandsmitglied Bartel Meyer eingeladene Kathrin Paulischin der Städtischen Kulturentwicklung Linz den bereits zweiten Linzer Kulturentwicklungsplan (KEP) vor. Dieser wurde in einem aufwändigen und partizipatorischen Verfahren mithilfe von breiter Bürgerbeteiligung erarbeitet und dient inzwischen vielen Städten als Modell und Vorbild. Sie betonte vor allem die Rolle der Transparenz sowie die Komplexität, die von diesem erfasst und widergespiegelt werden müsse. In einem offenen Prozess wurden Meinungen eingeholt, Experteninterviews geführt und ausgewertet und wiederholt Rohfassungen erstellt, die von Bürger_innen ergänzt, kommentiert und z.T. korrigiert werden konnten. Als wichtige Wegmarken und Erfolge können die genderparitätische Besetzung von Gremien, die aktive Beteiligung von Menschen mit Migrationshintergrund, die hohe Anzahl von Besuchen der Internetpräsenz und das Motto „Kultur für alle ist Kultur von allen“ gelten.

In der angeregten und durchaus kontroversen Diskussion wurde betont, dass ein Kulturentwicklungsplan nicht automatisch zu einer besseren Wirklichkeit, dafür aber zu einer Sensibilisierung für und neuen Wertigkeit von Kunst und Kultur führe. Trotzdem wird auch in Linz der Kulturetat gekürzt; trotzdem gibt es nach wie vor wenig Strukturförderung; trotzdem herrscht eine Projektmentalität, die langfristige, nachhaltige und kreative Planung, aber vor allem Kulturarbeit selbst erschweren. So wurde mehrfach auf den harten Wettbewerb verwiesen, der nicht nur Kooperationspartner zu Konkurrenten machen, sondern sich auch gegen die eigentliche künstlerische Idee richten kann. Dazu kommen in Vorpommern die (räumlichen) Entfernungen, wenn auch nicht (persönlichen) Distanzen, die Kreisgebietsreform, oftmals unnötig aufwändige Formalitäten (z.B. in der Antragstellung und Bearbeitung von Projekten) und – wie ein Straßentheatermacher berichtete – die oft unwirtschaftlich hohen Kosten für eine Kulturverwaltung, die durch die Kultur erst notwendig werde.

Ein gemeinsam entwickelter KEP, so die Veranstalter, könne dazu beitragen, dass kulturelle Angebote gefördert werden, die sich mit gesellschaftlich relevanten Themen auseinandersetzen, sich für ein partizipativ und demokratisch gestaltetes Gemeinwesen einsetzen und dabei Künstler_innen Produktions- und Kommunikationsmöglichkeiten schaffen.

„Was ist der Urschleim?“, fragte der Kreistagspräsident von Vorpommern Greifswald, Michael Sack. Er sieht einen der Auslöser für den Wunsch eines KEP in der Kreisgebietsreform, die „ganz viel aufgerührt“ habe. Michael Sack spannte den Bogen zum Sport, der wie die Kultur eine freiwillige Aufgabe sei, aber wesentlich klarere Strukturen aufweise und der Politik „juristisch verantwortliche Ansprechpartner“ nennen könne. Obwohl die Anwesenden eine stärkere Lobbyarbeit von und für Kulturschaffende begrüßen, wird auch zur Vorsicht gemahnt: Kunst und Kultur seien eben nicht Sport, das Outsourcing von Verantwortung nicht mit Selbstorganisation zu vergleichen. Entscheidungen, wie welche öffentlichen Gelder vergeben werden, müssten schon bei einer Jury liegen und letztlich von der Politik verantwortet werden, so Benno Plassmann.

Immer wieder wurde es ganz konkret: So wurde Herr Dr. Körner, der Vorsitzende des Landeskulturbeirats von Mecklenburg-Vorpommern gefragt, ob ein 10-Punkte Katalog sinnvoll sei. „Fünf oder drei Punkte reichen auch“, viel wichtiger aber sei es ihm, die Kultur im Landesmarketing zu etablieren und damit strategisch „Druck machen“ zu können. „Was Sie hier machen, ist so kostbar, darauf müssen Sie gut aufpassen!“ Provokant konterte die Moderatorin Andrea Thilo: „Wo ist der riesige Performer auf Stelzen, der einem ins Auge springt, wenn man im Internet nach MV sucht?“ Das Potenzial werde bei weitem nicht ausgeschöpft, aber es könnten Erfolgsgeschichten gesammelt und neue Wertigkeiten durch ressortübergreifende Arbeit geschaffen werden, würden Tourismus, Regionalmarketing, Kultur, Wirtschaft und Bildung an einem Strang ziehen.

Dass die Veranstalter_innen Frau Paulischen einluden, ist ein deutliches Zeichen, sich von einem überregional bekannten und erfolgreichen Prozess inspirieren zu lassen, ohne sich von herkömmlichen Vergleichskriterien einengen zu lassen; Linz war schließlich 2009 Kulturhauptstadt Europas. Beiläufig fällt mir Rainald Grebes bissiger Song „Aufs Land“ ein: Frustriert von der Anonymität der Großstadt, wo „die Plakate von morgen schon überklebt sind“, sehnt sich der Protagonist nach dem Land, „zurück zur Natur“, wo „die Plakate der Schaumparty von 2007 noch hängen“. Doch trotz wiederholter Versprechen kommen seine Freunde „einfach nicht“. Doch auch dieser Vergleich hält nicht; die gut vierzig Anwesenden zeigen, dass sie sehr wohl nach Bröllin kommen: Dr. Körner möchte „jetzt alle zwei Monate hier sein“, ein Schauspiellehrer aus Liège plant dort eine Residenz „wie Bröllin“ und die Senatorin aus Rostock ist „begeistert von der Veranstaltung“ und die Vorstellung des KEP Linz, den sie als Grundlage für Rostocks KEP sieht. Einmal mehr wird deutlich: Land, Politik und Kultur brauchen einander.


Anna Richter
Leibniz-Institut für Regionalentwicklung und Strukturplanung, Erkner
Wissenschaftliche Begleitung des vom Bundesministerium für Inneres geförderten Projekts „Region in Aktion“ von der Amadeu-Antonio Stiftung


Links:
Amadeu-Antonio-Stiftung: Region in Aktion, Kommunikation im ländlichen Raum
Der Linzer Kulturentwicklungsplan